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Die Münchner Stadtbibliothek rief zur Blogparade „Public! Die Stadt und ihre Bibliotheken“ auf, anlässlich des gleichnamigen Symposiums, wo sich alles um folgende Frage dreht:

Wie kann, wie soll eine Bibliothek im 21. Jahrhundert aussehen? Welche Anforderungen stellen die Menschen in Großstädten an ihr kulturelles und soziales Umfeld? Wie können Bibliotheken mit ihnen gemeinsam neu gedacht und geplant werden? Und wie prägt die öffentliche Bibliothek als Kultur- und Bildungsinstitution die sie umgebende Stadtlandschaft?

Unsere Biblitheksleiterin Anja Flicker nimmt selbst am Symposium teil und hat sich im Voraus einige Gedanken zu dem Thema gemacht:

„Von 2013 bis 2016 war ich eingeladen am INELI Programm der Bill & Melinda Gates Stiftung teilzunehmen. Der intensive Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus 25  Ländern der Erde hat meine Ansicht darüber, was und wie Öffentliche Bibliotheken sein können und sollten, stark beeinflusst.

Mir fiel schnell auf, dass die meisten Kolleginnen aus anderen Ländern die Rolle Öffentlicher Bibliotheken umfangreicher definieren, als ich das bis dahin in Deutschland wahrgenommen hatte. Ihre Angebote (Medien, Veranstaltungen, Bibliothek als Ort etc.) sind motiviert von der positiven Wirkung für den individuellen Kunden sowie vom Effekt auf die Stadtgesellschaft insgesamt. Bibliothekar/innen in den USA, in Skandinavien, Polen und Griechenland, aber auch in afrikanischen Ländern, in Indien oder Nepal sagen Sätze wie „We change lives. – Wir verändern Leben.“, „Unsere Angebote helfen Menschen, ihr Leben zu verbessern.“ „Wir entwickeln Gemeinschaften.“ „Wir bieten Chancen.“ „Wir sind Katalysatoren für gesellschaftliche Innovation und Entwicklung.“
So groß und bedeutend für die jeweilige Gesellschaft vor Ort wird die Rolle und Funktion Öffentlicher Bibliotheken im Ausland häufig gesehen.

Immer wieder wurde R. David Lankes, Direktor der University of South Carolina’s School of Library & Information Science, mit dieser Aussage zitiert:

Bad libraries build collections,
good libraries build services,
great libraries build communities.

Beispiele für besondere Bibliotheksangebote

Der Report über den „Aspen Institut Dialog zu Öffentlichen Bibliotheken“ von Oktober 2014 nennt die Anpassung der Bibliotheksangebote an die Bedürfnisse der Gesellschaft vor Ort einen der wichtigsten Aspekte der Bibliotheksarbeit. Das tun ganz viele unserer Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern sehr konsequent.

Hier einige Beispiele:

  • Uganda: Schwangere Mädchen (häufig vergewaltigt) finden in der Bibliothek Unterstützung, Information, Beratung; hier können sie sich auf das Leben mit Kind vorbereiten und sich fortbilden, damit sie später den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind selber verdienen können (z. B. als Näherin). Diese Mädchen haben häufig keine Person, an die sie sich wenden können, oder keine andere Institution.
  • Haiti: Kleinbusse werden zu mobilen Bibliotheken umgebaut, damit nach dem Erdbeben auch Orte, in denen die Bücherei zerstört wurde, wieder mit Büchern und Internetzugang versorgt werden. Die Kleinbusse und deren Haltestellen sind nach der Katastrophe erste kleine öffentliche Treffpunkte.
  • Vietnam: Büchereien in ländlichen Gebieten werden mit Internetzugang und PCs ausgestattet. Für viele Menschen ist die Bücherei die einzige Möglichkeit im Ort, diese Technik zu nutzen.
  • Lettland: Social Reading Aktivitäten für Teenager: (digitale) Leseförderung einhergehend mit Training von Sozialkompetenzen.
  • Kolumbien: Storytelling im Dialog und im Blog: Indigene Bevölkerungsgruppen fühlen sich in der Gesellschaft häufig nicht wertgeschätzt. Das Projekt steigert Selbstwertgefühl, Wissenstransfer und digitale Kompetenzen.

Egal, welche Programme die Bibliotheken anbieten: Bei allen Unterschieden der Angebote und der regionalen Bedingungen haben doch alle Beispiele, die ich gesehen habe, Wesentliches gemeinsam:

  • Die Bibliothek greift ein Bedürfnis der Menschen auf.
  •  Ob in Indien, den Niederlanden, in Griechenland oder Chile: Bibliotheksräume werden mit dem Ziel gestaltet, dass sie Kreativität, Aktivität und Lernen ermöglichen.
  • Ein wichtiges Ziel ist, Partnerschaften und Kooperationen einzugehen und Services gemeinsam mit anderen anzubieten.

Manches der aufgezählten Beispiele mag uns in Deutschland verwundern und ich will nicht sagen, dass auch deutsche Bibliotheken dies alles anbieten sollten. Eines von June Garcias Mottos heißt „Libraries are local. – Bibliotheken sind vor Ort.“ Jede muss ihr Angebot an die individuellen Bedingungen und an die Bedürfnisse der Gesellschaft vor Ort anpassen.

Was ist wichtig

Ziel der Arbeit Öffentlicher Bibliotheken muss es sein, das Leben der Menschen vor Ort zu verbessern – den jeweils spezifischen lokalen Bedürfnissen entsprechend.
Die Bedarfe und Bedürfnisse der Menschen haben erste Priorität – nicht der Medienbestand, nicht das Bibliothekspersonal, nicht das Bibliotheksgebäude.
Deshalb ist es erforderlich, die Menschen an der Entwicklung der Bibliotheksangebote und z. B. an der (Um-)Gestaltung von Räumen zu beteiligen.
Die Öffentliche Bibliothek kann eine starke Rolle und Funktion für die Stadtgesellschaft einnehmen, denn sie bietet dem Einzelnen diverse Möglichkeiten, sein Leben (besser) zu gestalten, und die Chance, sich mit anderen zu einer starken Gemeinschaft zu vernetzen.
Kooperationen sind wichtig, denn solche Ziele lassen sich nur mit Partnern realisieren.
Das Bibliotheksteam muss auf positive Weise mitgenommen werden. Denn diese Ziele lassen sich nur gemeinsam und mit motivierten Mitarbeitenden erreichen.
Deshalb sind Führungskompetenzen und diverse Management-Disziplinen von großer Bedeutung, damit Innovation gelingt.
Wir müssen Advocacy aktiv, bewusst und strategisch betreiben: Aktivitäten, die dazu dienen, unsere Befürworter zu aktivieren und Entscheider zugunsten der Bibliothek zu beeinflussen.

Ich bin der Ansicht, auch wir in Deutschland sollten die Rolle Öffentlicher Bibliotheken größer definieren, als wir es bisher tun. Mit Nutzungs- oder Besucherzahlen zu argumentieren, wird schon seit langem unserer Bedeutung im Leben der Menschen und unseren wichtigen Funktionen im Gemeinwesen nicht gerecht. Deshalb liegt eine weitere große Aufgabe Öffentlicher Bibliotheken im Thema „Advocacy“ (hier fehlt leider ein griffiger deutscher Ausdruck): Damit sind alle Aktivitäten gemeint, die wir einsetzen, um unsere Befürworter und Unterstützer zu aktivieren – mit dem Ziel, Entscheider zugunsten der Bibliothek zu beeinflussen. Diese Aktivitäten wollen wir in Würzburg zukünftig viel stärker strategisch durchdenken, planen und bewusst realisieren. So können wir unsere Bedeutung für die Gesellschaft deutlich machen und nur so werden die für eine innovative Bibliotheksarbeit erforderlichen Ressourcen dauerhaft zur Verfügung gestellt.“

Anja Flicker (Leiterin der Stadtbücherei Würzburg)

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